Donnerstag, 22. Oktober 2009

Islamische Dschihad Union - Hintergründe zu einem Medienkonstrukt - 1/2

Dies ist ein Gastbeitrag von Lampadia - Teil 1 von 2
Über die Islamische Jihad Union ist in den letzten zwei Jahren viel geschrieben worden. Leitmedien überbieten sich mit „investigativen“ Einblicken in eine Terrororganisation die sich Deutschland als Hauptziel ausgesucht hat. Das „Phantom IJU wird greifbar“ schreibt Yassin Musharbash auf Spiegel Online und schließt: „Nie dürfte ein aktuelleres und umfassenderes Bild von der IJU vorgelegen haben“. Dass Musharbash solch Schlussfolgerungen macht, verwundert kaum noch. Spielt er doch in der ersten Liga der Terrorexperten mit. Und das wichtigste für diese Experten dürfte auch sein, dass ihnen die islamistische Bedrohung niemals abhanden kommt, denn dann sind auch sie selber wieder abgemeldet.

Das „aktuellste und umfassendste Bild“ der IJU ist aber vor allem ein Bild, an dem zahlreiche Akteure mitgestrickt haben.  Es handelt sich dabei nicht im Geringsten um differenzierte Erkenntnisse über eine Terrororganisation, geschweige denn um verifizierbare Erkenntnisse. Im Folgenden soll deswegen einmal der Versuch unternommen werden, die Erkenntnisse über die IJU wissenschaftlich (und das heißt vor allen Dingen  nachvollziehbar) zu analysieren. Während früher noch echte Recherche notwendig war, reicht es mittlerweile aus, sich auf youtube ein Terrorvideo anzuschauen und dann darüber mit den Worten zu berichten: „Das Terrorvideo liegt der Redaktion vor.“ Oder man erhält einen Anruf in dem irgendjemand behauptet, irgendwer zu sein und schon wird der nächste Artikel veröffentlicht. Das ist nicht nur unseriös, es ist schlichtweg Meinungsmache und im schlimmsten Falle Panikmache. Ob sich Journalisten darüber im Klaren sind, dass sie von verschiedensten „Quellen“ missbraucht werden, um tendenziös zu berichten und die Öffentlichkeit zu manipulieren, darüber kann man nur spekulieren.

Welche Erkenntnisse es über die IJU laut der deutschen Leitmedien gibt, darüber ist bereits, auch hier schon, so einiges geschrieben worden. Hervorzuheben sei hier Jürgen Elsässers Buch „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“, Residenz Verlag. Das Kapitel über die IJU findet sich in der Neuen Rheinischen Zeitung online. Ebenso haben telepolis und der Deutschlandfunk auf unplausible Berichterstattungen und Widersprüchlichkeiten hingewiesen. Hinzu kommen die allseits wohlbekannten Beiträge des Fernsehmagazins Monitor, die die offizielle Erzählung unglaubwürdig erscheinen lassen.

Darüber hinaus bekommt man mit einem geringen Rechercheaufwand weitere zahlreiche Meldungen und Artikel zur IJU. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass all diese Meldungen kaum sinnvoll zu verwerten sind. Nachrichten haben nun mal keinen Anspruch „Wahrheit“ abzubilden, sondern lediglich über neuste Meldungen zu informieren. Woher diese Meldungen stammen und wie glaubwürdig diese sind, dass muss dann jeder für sich entscheiden. Insofern werden bei meiner Analyse Medienberichterstattungen keine Rolle spielen.

Wer sich schon immer gefragt hat, was die Bundesregierung „offiziell“ über die Islamische Jihad Union weiß und worauf sie dementsprechend ihre Politik ausrichtet, dem sei die Drucksache 16/7916 des deutschen Bundestags empfohlen. Sollte dies allerdings wirklich das Wissen der meisten Abgeordneten widerspiegeln, sollte man sich große Sorgen um die Bundesrepublik machen.

Zum Glück gibt es dann ja aber noch den Think Tank des BND, (zumindest war es noch zu Bonner Zeiten so), die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) mit dem Terrorexperten Guido Steinberg. Dieser hat im Wesentlichen zwei Papiere zur IJU veröffentlicht. Zum einen "A Turkish al-Qaeda The Islamic Jihad Union and the Internationalization of Uzbek Jihadism" und zum anderen "Die Islamische Jihad-Union Zur Internationalisierung des usbekischen Jihadismus". Hier hat man es also endlich einmal mit einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema IJU zu tun. Woher haben also die Terrorexperten und Wissenschaftler ihre Informationen über die IJU?

Leider wird man relativ schnell enttäuscht. Entgegen dem wissenschaftlichen Standard enthält der deutsche Artikel nicht einmal einen Anmerkungsapparat, also keine Verweise. Genauso gut hätte sich Guido Steinberg all seine Informationen auch ausdenken können. Das ist unwissenschaftlich und in diesem Zusammenhang auch eher seltsam. Müssten nicht gerade solche Artikel nachvollziehbar gestaltet werden? Der englische Artikel enthält dann allerdings Verweise. Nur kommt auch hier die Ernüchterung sehr schnell. So gibt es u.a. Verweise auf Medienberichterstattungen. Das ist aus wissenschaftlicher Perspektive ebenfalls unseriös, da Nachrichten nie die Quellen für ihre Informationen angeben und somit ebenfalls der Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden kann.

Eine grundlegende Frage in wissenschaftlichen Texten ist: wer hat was, wann, warum und wozu geschrieben? Und gerade die letzten beiden Fragen kann man in Bezug auf die dürftige Quellenlage in Medienberichten nicht beantworten.

Dann wird bei Steinberg auf die einzige Primärquelle verwiesen. Und dies ist die dubiose Internetseite sehadetvakti.com, auf der die IJU ihre Existenz bewiesen haben soll. Hier sollen Interviews, Artikel, Videos und das Bekennerschreiben vom September 2007 veröffentlicht worden sein. Leider ist all dies nicht mehr zu überprüfen, da es die Seite nicht mehr gibt. Zum Glück gibt es ja aber noch das „Internetarchiv“. Sehr interessant ist, dass die einzige Seite, auf der IJU jemals „veröffentlicht“ hat, erst im April 2007 ins Netz gestellt wurde. April ist deshalb so interessant, da es die erste Terrorwarnung über eine deutsche Terrorzelle im Zusammenhang mit der IJU im April 2007 gab. Die Warnung kam damals, wenig überraschend, von der CIA.

Auf dieser Internetseite präsentiert sich also die IJU. Hier ist sie unter dem Namen İslamic Jihad İttehadi zu finden. Ein Name, der ansonsten eher selten in den Medien auftaucht. Und nicht nur in den Medien, sondern auch auf der türkischen „Islamisten-Seite“ erscheint der Name recht selten. Erst nach den Festnahmen der „Terroristen“ der sogenannten Sauerlandgruppe gibt es vermehrt Hinweise auf die IJU. Interessanterweise wird auf dieser Webseite am 5. September 2007, also einen Tag nach den Festnahmen, keine Stellungnahme oder ähnliches verbreitet, sondern lediglich die Nachricht über die Verhaftung selber. Und zwar mit einem Link auf Spiegel Online. Irgendwie würde man doch etwas mehr Insiderwissen vermuten.

Am 11. September, natürlich, folgt dann das „Bekennerschreiben“ der IJU. Dieses Schreiben ist weit davon entfernt, durch irgendjemanden als authentisch identifiziert werden zu können. Weder gibt das Schreiben irgendwelches Insiderwissen preis (ganz im Gegenteil, wie ja auch schon mehrfach beschrieben wurde), noch lässt die Machart Rückschlüsse auf die IJU zu. Das Bekennerschreiben hätte ebenso gut jeder beliebige fanatisierte Jugendliche schreiben können, ebenso wie ein Geheimdienst oder eben auch die IJU. Allerdings ist weder das eine noch das andere nachzuvollziehen und somit gleich viel plausibel. Insofern ist dieses Schreiben, ebenso wie der Internetauftritt der IJU auf der Seite sehadetvakti.com, aus wissenschaftlicher Perspektive nichts wert. Oder anders gesagt: das was Bundesregierung und Stiftung Wissenschaft und Politik als wichtigsten Beleg für die Existenz der IJU anführen, nämlich eben diese Seite, hält keiner wissenschaftlichen Überprüfung im Sinn eine Beweisführung stand.

Am 15. September gibt es dann noch den Hinweis, dass die Seite in den Fokus deutscher Nachrichtendienste gekommen ist. Im Oktober folgt der für diese Seiten obligatorische Hinweis, dass man für eine gewisse Zeit „nicht zu erreichen“ war, jetzt aber wieder alles „dank Allah“ gut läuft. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Anschließend dürfen sich die Besucher der Seite noch ein „Anti-Ban-Programm“ auf ihrem Rechner installieren und ein paar Monate später ist die Seite verschwunden. Zwischenzeitlich hatte die IJU noch Operationsmeldungen auf der Seite veröffentlicht. Diese sind dann auch detaillierter, ohne jedoch wirklich in irgendeiner Form Beweise jenseits von Medienberichten vorzulegen.

Abschließend bleibt nur zu sagen, dass die Informationen der Stiftung Wissenschaft und Politik, sowie die der Bundesregierung doch recht dürftig sind und letztlich zu keinen wirklich verwertbaren Informationen führen. Aber es gibt ja auch noch andere ernstzunehmende Quellen. So zum Beispiel einen umfangreicheren Bericht des Norwegian Defence Research Establishment (FFI) vom Februar 2009. Dieser 43 Seiten Bericht dürfte zu den umfassendsten, frei zugänglichen Berichten über die IJU gehören. Hier wird für das Norwegische Militär der Frage nachgegangen „Islamic Jihad Union: Al-Qaidas key to the turkic world?“ Doch auch hier erreicht einen die Ernüchterung sehr schnell.

(Ende Teil 1 von 2 - Teil 2 hier)

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