Samstag, 28. November 2009

Jahrestag Mumbai-Attacken - Zweifel bleiben

Vor einem Jahr hielt die Welt den Atem an. Die vom 26. bis 29. November 2008 im indischen Mumbai (ehemals Bombay) durchgeführten Terror-Attacken wurden via Fernsehen live ins heimische Wohnzimmer übertragen. Dort konnte man schockiert mit ansehen, wie eine Bande junger Männer mit Kalschnikows und Granaten bewaffnet tagelang wahllos Menschen erschoss und als Geiseln nahm. Insgesamt wurden 173 Menschen getötet, über 300 verletzt. Cafebesucher wurden niedergemetzelt und Taxi-Passagiere mit Bomben zerfetzt. Während die 'Times' noch am 27.November 2008 schrieb, dass 19 Ziele von dutzenden Attentätern  angegriffen wurden, waren laut der heute gültigen offiziellen Version nur 10 Männer an den Taten beteiligt. Sie befanden sich im wahrsten Sinne des Wortes in einem Rausch, denn laut Blutuntersuchungen hatten sie Kokain, LSD und eventuell auch Stereoide während der Taten intus. Neun der zehn Männer wurden während der Auseinandersetzung mit Anti-Terror- und Polizeikräften getötet.
Der einzige Überlebende auf Seiten der Terroristen ist der damals 21-jährige Pakistani Ajmal Kasab. Laut seinen eigenen Aussagen gehört er zu der Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba (LeT).
Die islamistische Lashkar-e-Toiba (LeT) wurde 1990 in Pakistan gegründet und ist seitdem vor allem im Kaschmir-Gebiet aktiv, wo sie gegen den indischen Einfluss kämpft. Wiederholt hat die LeT schwere Bombenanschläge auf indischem Territorium begangen.
Seit Anbeginn ihres Bestehens arbeitete die LeT eng mit den pakistanischen Sicherheitskräften zusammen, die die LeT als Stellvertreter ("Proxy") im Kampf gegen Indien einsetzt. Der von 2001-2008 amtierende Ministerpräsident Pervez Musharaf war schon seit den frühen 1990er Jahren eng mit der LeT verbunden.

Dicke mit der LeT: General Pervev Musharaf

Die Unterstützung der LeT durch den pakistanischen Geheimdienst ISI führte immer wieder zu schweren Spannungen zwischen Pakistan und Indien. Nach einem Anschlag am 13.Dezember 2001 auf das indische Parlament, bei dem inklusive der fünf Attentäter 14 Menschen starben, wuchsen die militärischen Spannungen. Indische Soldaten marschierten an der Grenze zu Pakistan auf, sogar ein nuklearer Konflikt wurde befürchtet.
Während der drei Tage andauernden Anschläge in Mumbai wurde über die Hintergründe der Täter spekuliert. Die ersten der Öffentlichkeit vorgeführten Beweise, die eine Spur in Richtung Pakistan belegen sollten, taten der Spekulation aber keinen Abbruch. Nach der offiziellen Version kamen die Attentäter per Boot aus dem pakistanischen Karatchi und gingen vor Mumbai an Land. Auf einem Fischerkutter wurden Land-und Seekarten gefunden, sowie technisches Gerät, darunter ein GPS-Sender.
Ermittler, die die Details der Attacke zusammen fügen wollten, zeigten sich überrascht, dass der im Fischdampfer sichergestellte GPS-Sender zwei Karten in seiner Navigationshilfe eingespeichert hatte. Die eine zeigte eine Route von Karatchi, eingezeichnet nahe der indischen Küste, die andere zeigte eine Rückkehr-Route, von der Küste Mumbais zurück nach Karachi. "Wir denken das wurde getan, um den Terroristen den Anschein der Hoffnung zu geben, nach erfolgreichem Überfall wieder zurück nach Hause kehren zu können", sagte ein hoher Sicherheitsbeamte gegenüber 'Outlook'. Die Tatsache, dass diese beiden Routen in das GPS eingespeichert waren, bestätigen, dass es Hilfe von Leuten mit Armee- oder Navy-Hintergrund gab, welche über ausgiebiges Wissen bezüglich der Navigation auf dem Meer verfügen."  
(Quelle)
Der Fund mit den eindeutigen Spuren sah zu perfekt, und daher ein wenig nach medienwirksamer PR aus. Auch die Identität von Ajmal Kasab, der als einziger festgenommenen wurde, schien umstritten. In seinem angegebenen Geburtsort in Pakistan hat es nie einen Mann seines Namens gegeben, wie pakistanische Behörden behaupteten und auch Journalisten recherchierten.
Doch spätestens nachdem die pakistanischen Behörden Monate nach den Attacken die Identität von Kasab bestätigt hatten und außerdem angaben, sechs Männer, darunter den Drahtzieher, festgenommen zu haben, scheint es keine Zweifel mehr zu geben, dass die LeT verantwortlich ist und es sich hierbei nicht um eine Operation unter falscher Flagge handelte. Dennoch bleiben Zweifel und Fragen offen.

Laut offizieller Version waren nur zehn Männer an den Attacken auf über ein Dutzend Ziele beteiligt. Es scheint schier unmöglich, dass alle Angriffe von nur zehn Männern durchgeführt wurden. Zumindest steht es im Widerspruch zu den ersten Meldungen und Aussagen von verschiedensten Experten.

Zehn Terroristen verübten die Anschläge von Bombay – neun wurden getötet, einer gefangen. So lautet das Fazit der indischen Regierung. Offenbar haben die indischen Behörden aber einiges verschwiegen – entweder, um die Bevölkerung nicht weiter zu beunruhigen oder um die eigene Bilanz makellos zu halten. (...)
In den Schlauchbooten, die die Terroristen benutzt hatten, um von dem gekaperten Fischerboot „MV Kuber“ in Bombay an Land zu gehen, lagen nach jetzt bekannt gewordenen Polizeiangaben 15 Schwimmwesten und unter anderem 15 Zahnbürsten. Dies würde bedeuten, dass mindestens noch fünf hochtrainierte und möglicherweise schwer bewaffnete Islamisten auf freiem Fuß sind. Einer der Täter könnte eine Frau sein: Der gefangene Terrorist Azam Amir Kasab wurde vor den Anschlägen in Begleitung einer tief verschleierten Frau gesehen.
Doch amerikanische Geheimdienstquellen gehen von einer weit höheren Zahl an Tätern aus. Die frühere CIA-Agentin Farhana Ali, die kurz vor den Anschlägen Indien und Pakistan besucht hatte, sagte: „Meine Quellen gehen von mindestens 23 Bewaffneten aus.“ Auch der Anti-Terror-Berater von US-Außenministerin Condoleezza Rice, David Kilcullen, sagte, man müsse davon ausgehen, dass einige Attentäter untertauchen konnten. (Quelle)
Laut Ajmal Kasab selbst waren 16 Personen an der Aktion beteiligt. Sie hätten sich auf zwei Boote aufgeteilt, in seinem Boot seien die insgesamt zehn Männer gewesen, die jetzt offiziell als die alleinigen Täter gelten. Auch gab es in den ersten Tagen Spuren dahingehend, dass mehrere der Täter, es war von bis zu sieben die Rede, aus Großbritannien stammen. Alle Hinweise in diese Richtung wurden aber von indischen Behörden in den Folgetagen dementiert, allerdings ohne auf die im Einzelnen genannten Indizien einzugehen. Auch sie sind aus der heutigen offiziellen Version, wonach alle zehn Männer aus Pakistan stammen, verschwunden. In einem vom indischen Fernsehen während der Attacken geführten Telefoninterview mit einem der Täter namens "Sahadullah", gab dieser an, der indischen islamistischen Gruppe 'Deccan Mujahedeen' anzugehören. Auch waren E-Mails bei verschiedenen Nachrichtenagenturen eingegangen, in denen sich 'Deccan Muhajedeen' zu den Attacken bekannt hatte. Auf der im Interview gestellten Frage nach ihren Forderungen verschlug es Sahadullah erst einmal die Sprache und er musste bei seinen Mitkämpfern Rat holen: es gehe darum, islamistische Kämpfer aus indischen Gefängnissen zu befreien. Wenn man die weitere Berichterstattung verfolgt, dann blieb es wohl bei dieser Forderung. Merkwürdig bleibt, dass diese nicht im Namen der heute als schuldig ausgemachten LeT aufgestellt wurde. Wusste Sahadullah nicht, welcher Organisation er angehört, oder war die Sache mit den Deccan Mujahedeen eine von wem auch immer gezielt gelegte falsche Fährte?
Es gab auch Meldungen darüber, dass weitere Täter festgenommen wurden. Auch sie verschwanden im Nachrichten-Äther. Der Journalist Knut Mellenthin spekulierte diesbezüglich:
Auffällig ist, dass zeitweise in einigen Medien behauptet wurde, neun Angreifer seien in Haft.  Drei davon hätten bereits gestanden, Mitglieder von Lashkar-e-Taiba zu sein. Das mag am Chaos in jenen Tagen und an der Nachrichtenpolitik der indischen Polizei gelegen haben. Völlig auszuschließen ist aber nicht, dass wirklich mehrere Angreifer gefangen genommen wurden – und dass anschließend alle „beseitigt“ wurden, die nicht als Kronzeuge mitspielen wollten. Wäre dies so, könnte die Zahl der Angreifer natürlich auch größer als zehn gewesen sein.(Quelle)
Nicht nur wegen eines möglichen Deals sind die Aussagen Kasabs mit Vorsicht zu genießen. Er wurde zusätzlich von den indischen Behörden mit Psycho-Drogen bearbeitet, was angeblich nur der Wahrheitsfindung diente. Der Fall Kasab bekam aber noch eine zusätzliche, mysteriöse Note. Der pakistanische Anwalt C. M. Farooque gab an, dass er den Namen Ajmal Kasab aus einem anderen Zusammenhang kennt: 2006 wurde ein Pakistani des gleichen Namens in Nepal vom indischen Geheimdiensten in Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeikräften entführt. Farooque vertritt den verschwundenen Kasab, der nur einer von insgesamt 200 von Indien in Nepal entführten Pakistanis sein soll. Laut Farooque würde der indische Geheimdienst diese Leute entführen, um sie später für "anderweitige Zwecke" einsetzen zu können.
Merkwürdig bleibt auch, dass die Attentäter auf wenig Widerstand stießen:
Die zwei Schützen bewegten sich auf zwei separaten Wegen in Richtung des Haupteingangs der Bahnhofsstation zu und schossen dabei. Sie trafen praktisch auf keinen Widerstand, obwohl dutzende Polizisten normalerweise an der Station eingesetzt sind. "Sie töteten das öffentliche Publikum, und die Polizei lief einfach davon,", sagte Ram Vir, ein Kaffee-Anbieter, der nahe des Bahnsteigs 8 steht. (Quelle)
Ähnliches berichtete auch der Fotograf Sebastian D'Souza, dem wir viele der Aufnahmen der Terroristen verdanken. Statt der Kamera wünschte dieser sich lieber eine Waffe in den Händen.
Aber was D'Souza fast genau so verärgert hat, waren die Massen bewaffneter Polizisten, die sich in der Gegend versteckten und sich einfach weigerten, zurück zuschießen. "Es gab rund um die Station überall bewaffnete Polizisten, die sich verschanzten, aber keiner von denen tat irgendwas", sagte er. "Irgendwann rannte ich zu ihnen hin und sagte ihnen, sie sollen ihre Waffen einsetzen. Ich sagte, 'Erschießt sie, sie sind leicht Ziele!' [sitting ducks], aber sie schossen einfach nicht zurück." (Quelle)

Ajmal Kasab im Foto-Shooting

Vieles deutet auch darauf hin, dass die Attentäter Komplizen vor Ort hatten.
Ein Offizier der indischen Anti Terror Squad (ATS) sagte gegenüber 'New York Times', dass die Ermittler der ATS glauben, dass es Komplizen gab, die möglicherweise Waffen in den Hotels für die Attentäter hinterließen. Auch wurden die Namen und Telefonnummern von fünf Bewohnern Mumbais in den Mobiltelefonen und Brieftaschen der Attentäter gefunden. (Quelle)
Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen am Taj Hotel, die aufgrund geheimdienstlicher Vorwarnungen (s.u.) eingeführt worden waren, wurden kurz vor den Attacken "drastisch zurückgefahren", was die Attentäter wissentlich ausgenutzt hätten. Allerdings hätten auch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen eine solche Attacke nicht aufhalten können, so der Vorsitzende des Unternehmens, dem das Hotel gehört. Die Maßnahmen hätten sich gegen die Platzierung von Bomben gerichtet und nicht gegen einen bewaffneten Überfall.

Das Nicht-Eingreifen der Polizei wurde zum Teil damit erklärt, dass man keine weiteren Zivilisten gefährden wollte. Natürlich ist auch Feigheit nicht auszuschließen. Dennoch bleibt ein schlechter Beigeschmack. Auch die Tatsache, dass die Attentäter in einem Polizeiauto zum jüdisch-orthodoxen "Chabad-Haus" gelangten und aus diesem heraus das Feuer eröffneten, hinterlässt einen Beigeschmack.

Rabbi Zalman Shmotkin sagte über den Angriff auf das Chabad-Haus:
"Es sieht danach aus, dass die Terroristen ein Polizeifahrzeug requirierten, dass ihnen leichten Zugang zum Gelände des Chabad-Haus verschaffte. Sie warfen eine Granate auf eine in der Nähe befindliche Tankstelle, die explodierte", sagte er eine Vielzahl von Quellen zitierend. (Quelle)
Auch ein anderer Angriff wurde aus einem Polizeifahrzeug heraus verübt:
Wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt entführten die Attentäter Augenzeugen zufolge einen Polizei-Bus und eröffneten das Feuer auf eine Menschenmenge, die sich bei zwei Krankenhäusern nahe des Polizei-Hauptquartiers versammelt hatte. "Wir hörten ein Auto hinter uns beschleunigen, es war ein Polizei-Bus, die Insassen feuerten auf uns," sagte Manish Tripathi an einer Polizei-Absperrung in Nähe der Krankenhäuser. "Menschen schrien, dass sie ihre Finger verloren haben. Es war überall Blut. Ich fühle, als würden sie immer noch schreien. (Quelle)
Über die Identität der Schützen heißt es:
Quellen zufolge wurden nach Mitternacht zwei Terroristen bei Girgaum im Süden Mumbais angeschossen und verletzt. Die beiden fuhren einen von ihnen requirierten silbernen Skoda. Zuvor hatten die Männer Kugeln aus einem Polizei-Bolero abgefeuert.(Quelle)
Bei den beiden Männer handelte es sich um Asif Ibrahim und Ajmal Kasab, die vor ihrer Fahrt in einem Polizeiauto auf "praktisch keinen Widerstand" trafen, als sie im Bahnhof ihr Massaker durchführten. Die 'TAZ' lieferte weitere Details:
Am 26. November gegen 21 Uhr betraten Amir [Ajmal Kasab] und sein Komplize Asif Ibrahim nach Polizeiangaben Mumbais größten Bahnhof, den Chatrapati Shivaji Terminus, eröffneten das Feuer und richteten ein Blutbad an. Auf der Flucht wurden sie von einem Polizeijeep verfolgt. Sie erschossen alle vier Insassen und übernahmen das Fahrzeug. Ein weiterer Polizeiwagen nahm die Verfolgung auf. Ibrahim wurde tödlich getroffen, und eine Kugel traf Amirs rechte Hand. Ein Polizeivideo zeigt, wie Amir aus dem Auto gerissen und auf den Boden geworfen wurde und zwei Polizisten auf ihn mit Stöcken losgingen. (Quelle)
Videoaufnahmen die den oben beschriebenen Beschuss einer Menschenmenge in der Nähe der beiden Krankenhäuser zeigen, lassen an dieser Darstellung Zweifel aufkommen. Der Polizei-Bus scheint unbeschädigt zu sein und nicht etwa von Kugeln durchsiebt, wie man vermuten würde, wenn zuvor vier sich im Fahrzeug befindliche Polizisten getötet wurden.




Auch eine mögliche Verbindung der Attentäter zum indischen Geheimdienst nährte Zweifel an der offiziellen Darstellung. Anfang Dezember 2008 wurden in Indien zwei Männer festgenommen, die die Attentäter mit SIM-Karten versorgt haben sollen. Laut verschiedensten Quellen haben die Attentäter während der Anschläge ständig mit Leuten im Ausland kommuniziert und sich von dort Anweisungen geholt.

Pikanterweise handelt es sich bei einem der festgenommenen Männer um einen "Anti-Terror Polizeioffizier, der möglicherweise auf einer Undercover-Mission war":
Ein höherer Polizeibeamte aus dem indischen Kaschmir sagte, dass einer der beiden, Mukhtar Ahmed, Teil eines halb-offiziellen Aufstandsbekämpfungs-Netzwerks ist, dessen Mitglieder für gewöhnlich ehemalige Kaschmir-Militante sind. (Quelle)
Die geschilderten Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten reichen allerdings nicht aus, um hier von einer Inszenierung zu sprechen, bei der sich nur der LeT als Sündenbock bedient wurde. Auszuschließen ist es allerdings nicht.
Genauso wenig wie die Tatsache, dass hier Geheimdienste in der einen oder anderen Weise nachgeholfen haben könnten, selbst wenn es sich bei den Angreifern ausschließlich um Mitglieder der LeT handelte. Da wären zum einen die engen Verbindungen des pakistanischen Geheimdiensts ISI zur LeT. Obwohl auf Druck der USA Pakistan nach den 9/11-Anschlägen die LeT offiziell verbannt hat, konnte sie dennoch in Pakistan weiter operieren, wenn auch nicht mehr ganz so offen. Bis dahin hielt die LeT ihre jährlichen Hauptversammlungen öffentlich ab. Nach dem offiziellen Bann der LeT wurde die "Jamaat-u-Dawa" (JuD) gegründet, die in engem Kontakt zur LeT stehen bzw. dessen Nachfolgerin sein soll. Die JuD selbst hat sich von den Mumbai-Attacken distanziert. Auf einer Führung an einem "Tag der offenen Tür" durch den JuD-Haupstützpunkt Markaz-e-Taiba in Pakistan wurde den westlichen Journalisten versichert, dass die JuD keine Frontorganisation der LeT sei und rein karikativen Charakter habe. Die BBC verglich das Anwesen mit einer Universität und kam zu dem Schluss, dass, sollte es sich bei Markaz-e-Taiba wirklich um ein Zentrum zur Ausbildung von Militanten handeln, "die Atmosphäre in der Schule und auf dem gesamten Gelände erstaunlich offen und locker ist."

Dass Pakistan einerseits offiziell die LeT bekämpft, aber inoffiziell nach wie vor unterstützt, wird nicht nur von Pakistans Erzrivalen Indien behauptet. Nach den Mumbai-Attacken beschuldigten US-Geheimdienstbeamte den ISI, der LeT weiterhin zu helfen und sie zu beschützen. Auch direkte Verbindungen zu den Mumbai-Attentätern wurden behauptet:
Laut Berichten aus Washington, die einen ehemaligen Beamten des US-Verteidigungsministerium zitieren,  wurden die Terroristen, die in Mumbai Amok liefen, von ehemaligen pakistanischen Armeeangehörigen trainiert. "Ein ehemaliger Beamter des Verteidigungsministeriums sagte am Mittwoch, dass amerikanische Geheimdienste ermittelt haben, dass ehemalige Offiziere der pakistanischen Armee und seines mächtigen ISI den  Mumbai-Attentätern bei der Ausbildung halfen," sagte die 'New York Times'.  (Quelle)
Nicht nur indische und amerikanische Behörden behaupten eine Zusammenarbeit:
Azam Amir [= Ajmal Kasab], der von der Polizei in Mumbai inhaftierte Terrorist, hat einige verblüffende [striking] Enthüllungen über die Mumbai-Attacken preisgegeben. Azam hat offenbart, dass die pakuistanische Navy die Terroristen in Bootfahren und Schwimmen ausgebildet hat, damit sie ihre Attacken in Mumbai ausführen können. (Quelle)
Es stimmt zwar, dass der ISI ein falsches Spiel spielt, wonach man die LeT insgeheim unterstützt während man sie offiziell bekämpft. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch die Geheimdienste der USA speilen ein falsches Spiel. Offiziell übt man Druck auf den ISI aus gegen LeT und andere islamistische Terrorgruppen vorzugehen, inoffiziell arbeitet man aber nicht nur eng mit dem ISI zusammen, sondern finanziert ihn umfassend, rüstet ihn aus und bildet dessen Agenten aus. Erst jüngste Berichte bestätigen wieder einmal diese Beziehung. Der ISI läuft an der langen Leine der CIA.
Und wenn die LeT einen Angriff wie Mumbai November 2008 organisiert, dann geht das nicht, ohne dass die CIA davon Wind bekommt.  Wie bekannt wurde, verfügte die CIA über konkrete Vorwarnungen:
Mitte September dieses Jahres berief der Chef der CIA-Station in Delhi ein dringendes Treffen mit seinem indischen Pendant RAW ein, um einige kritische Informationen zu übergeben. (...) Von seinen Aktiven [assets] in Pakistan und Afghanistan hatte der anmerikanische Geheimdienst erafhren, dass Lashkar-e-Toiba eine große Attacke in Mumbai plante, die vom Meer aus durchgeführt werden sollte. (...)
Mitte November, nachdem indische Geheimdienste weitere Informationen überprüften, fügten sich die Teile eines komplizierten Puzzles zusammen. Quellen sagen, sie erfuhren, dass die Attacke vom Meer kommen würde und dass das Taj Hotel ein Hauptziel sein werde. Allerdings war nicht bekannt, ob die Attacke mittels der Platzierung von Bomben im Hotel, oder mittels bewaffneter Terroristen ausgeführt werden sollte. Indische Geheimdienste tendierten zu der Variante der platzierten Bomben. Die Sicherheit am Hotel wurde dementsprechend aufgestockt, um Terroristen daran zu hindern, Bomben ins Gebäude einzuschleusen. (Quelle)
Neue Entwicklungen im Fall Mumbai erhärten den Verdacht geheimdienstlicher Involvierung.

Anfang Oktober 2009  wurden in den USA zwei Verdächtige festgenommen, die geplant haben sollen, einen Anschlag auf die dänische Zeitung 'Jyllands Posten' zu verüben, die 2005 die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hat. Die beiden Männer, David Coleman Headley und Tahawwur Hussain Rana, sollen auch in Verbindung zu den Anschlägen in Mumbai stehen. So sollen sie laut indischen Behörden Anschlagsziele für die Attacken ausgekundschaftet haben.


In Pakistan wurde daraufhin ein ehemaliger Major der Armee festgenommen. Tage später wurden noch einmal fünf aktive Offiziere der Armee wegen möglicher Verbindungen zu den beiden Terrorverdächtigen inhaftiert.
Auch in Italien gab es kürzlich zwei Festnahmen im Zusammenhang mit den Mumbai-Attacken. Die beiden Männer, die in der norditalienischen Stadt Brescia ein Büro für Geldtransfer betrieben,  sollen die Anschläge finanziert haben, indem sie 400.000 Euro auf ein Konto einzahlten, aus dem sich die Attentäter bedienten.
David Headley soll auch zu einem hochrangigen Al-Qaida-Operateur Kontakte haben. Hierbei soll es sich um Ilyas Kashmiri handeln. Dieser sei sein "spiritueller Führer" gewesen und mit ihm zusammen habe er den Angriff auf die dänische Zeitung ausgebrütet. Im dänischen Kopenhagen und Aarhus soll Headley wie schon in Mumbai Anschlagsziele mittels Videokamera ausspioniert haben. Über Kaschmiris Taten und dessen Verbindungen zu Geheimdiensten habe ich bereits hier berichtet. Der Anwalt von Tahawwur Rana erklärte, sein Mandant sei von Headley überlistet worden. Möglicherweise wird sich hier nur gegenseitig die Schuld zugeschoben, doch ein Blick auf Headleys Werdegang zeigt, dass dieser möglicherweise im Auftrag gehandelt hat.
David Headley hieß ursprünglich Daood Gilani. Um leichter ohne Schwierigkieten Ein-und Ausreisen zu können, ließ er seinen Namen 2006 in Headly umschreiben. Denn er hatte bereits zuvor massiv Ärger mit dem Gesetz bekommen, kam aber glimpflich davon. Die 'New York Times' schrieb:
1998 wurde Gilani, damals 38, wegen Verschwörung zum Heroinschmuggel von Pakistan in die USA verurteilt.Gerichtsaufzeichnungen zeigen, dass er nach seiner Festnahme so viele Informationen über seine zehn Jahre zurückreichende Verstrickung in den Drogenhandel und seine pakistanischen Versorger lieferte, dass er zu weniger als zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde und später für die Drug Enforcement Administration (DEA) in Pakistan Undercover-Überwachungs-Operationen durchführte.  (Quelle)
Es ist erwiesen, dass der Opium- und Heroinhandel in Afghanistan und Pakistan auch mithilfe des Netzwerks der Geheimdienste ISI und CIA organisiert wurde - oder besser gesagt wird, wenn man den Fall Ahmed Wali Karzai, Bruder des Wahl-fälschenden Bürgermeisters von Kabul, beachtet. Dieser ist nicht nur einer der größten Drogenhändler Afghanistans, sondern steht auch auf der CIA-Gehaltsliste. Laut Schätzungen des 'United Nation Drug Control Programme' bezog der ISI alleine 1999 2,5 Milliarden US-Dollar aus dem illegalen Geschäft.
Es steht daher zu vermuten, dass der US-Staatsbürger Headley alias Gilani schon damals Kontakte zu CIA und/oder ISI hatte.
Die 'Times of India' stellte gestern (27.11.) in einem Artikel die Frage, ob Headley ein amerikanischer Agent sei, der zum Schurken mutierte. Headley, der Drogen nicht nur handelte, sondern es "einst mochte, 'high' zu sein", stellte sich bei seinen Tätigkeiten in Indien häufig als CIA-Agent vor, so die 'Times of India'. 2006 sei er der LeT beigetreten. Von ihm stamme wahrscheinlich die Warnung an US-Geheimdienste über die ursprünglich für September geplanten Mumbai-Attacken, die daher erst im November stattgefunden haben. 'Times of India' vermutet, dass er vor den Agriffen im November nicht mehr gewarnt habe, weil er in der Zwischenzeit, also seit September, übergelaufen war, da er "als Undercover-Agent zerrissen war zwischen den konkurrierenden Anforderungen der Jihad-Gruppe, die er infiltrieren sollte, und seinen amerikanischen Anweisern."
Man glaubt, dass Headleys kurz nachdem [er vor den September-Anschlägen warnte] übergelaufen ist und das es vielleicht einer der Gründe ist, warum die Amerikaner, anders als im September, die  26/11-Attacken  nicht aufspüren konnten. Der Verdacht wird erhärtet durch die Tatsache, dass das FBI zu dieser Zeit damit begann, Headley unter Überwachung zu nehmen, die am 3.Oktober dieses Jahres zu seiner Festnahme führte. (Quelle)
Der Sachverhalt lässt sich allerdings auch anders interpretieren. Headly könnte auch wie bereits zuvor im September vor den Anschlägen im November gewarnt haben. Nur das dieses mal von entsprechenden Stellen nicht interveniert wurde. Auch wenn sich angesichts des gegenwärtig öffentlich zugänglichen Fakten nicht  rekonstruieren lässt, wer genau was geplant und wer genau was zugelassen hat, so sollte doch die Frage gestellt werden, wem denn in der damaligen Lage die Anschläge am Gelegensten kamen. Auch wenn das kein Beweis für eine Täterschaft ist, so zeigt es zumindest, dass man sich zukünftig zurückhalten sollte, sofort auf die "üblichen Verdächtigen", also islamistische Terroristen, zu zeigen, wenn solche Anschläge stattfinden.
Pakistan und Indien befanden sich zum Zeitpunkt der Anschläge in einer Entspannungsphase. Entspannung mit Pakistan bedeutete für die hindu-nationalistische Partei Bharatiya Janata Partei(BJP) aber schlechte Aussichten bei den indischen Wahlen im Februar 2009. Ein Aufflammen des Konflikts zwischen Muslimen und Hindus stärkt erfahrungsgemäß die BJP. Wie die 'New York Times' vor Tagen berichtete, hatten führende Mitglieder der BJP 1992 den Konflikt mit der Zerstörung einer Moschee aus dem 16.Jahrhundert erst richtig ins Rollen gebracht. Am Ende der seit Jahrzehnten schwersten Spannungen zwischen Muslimen und Hindus waren über 2000 Tote zu beklagen, hauptsächlich Muslime. Zu den Architekten der ethnisch-religiösen Spannungen gehörte auch der spätere Premierminister Vajpayee:
Die Zerstörung der Moschee und des Ram-Tempel am 6.Dezember 1992 erregte die Öffentlichkeit und schürte Emotionen, die die BJP 1998 an die Macht katapultierten und Vajpayee zum Premierminister machten. (Quelle)
Unter der Überschrift "Die Anschläge sollen radikale Hindus stärken" äußerte sich der Asien-Historiker Hermann Kulke gegenüber "Die Welt':
Ein Kollege in Indien, ein Historiker, sagte mir, Bombay sei auch ein Anschlag auf die gewählte Regierung von Pakistan. Der äußere Druck auf sie soll erhöht werden. Durch derartige Anschläge soll die BJP, die hindunationalistische Partei, in Indien wieder an die Macht gebracht werden. Es kann kein Zufall sein, dass am vergangenen Wochenende, drei Tage nach dem Anschlag in Bombay, Wahlen in Delhi stattfanden, weitere in wichtigen Bundesstaaten bevorstehen. Und im nächsten Frühjahr wird wohl das Unterhaus gewählt. (Quelle)
Auf 'Hintergrund' kam Knut Mellenthin zu einer ähnlichen Einschätzung:
Die hinduistisch-nationalistische, konservative Bharatiya Janata Partei, die von 1998 bis 2004 eine Koalitionsregierung führte, will das Terror-Thema nutzen, um die regierende Kongresspartei abzulösen und an die Macht zurückzukehren. Die „nationale Sicherheit“ wird, so war es schon vor den Angriffen von Mumbai angekündigt, im Zentrum ihrer Wahlkampagne stehen. Der Kongresspartei wirft sie vor, gegenüber dem Terrorismus und dem Nachbarn Pakistan – der indischen Populisten aller Couleur zufolge hinter sämtlichen Anschlägen und Angriffen steht – viel zu unentschlossen und nachgiebig zu agieren. (Quelle)
Hinter manchen dieser "sämtlichen Anschläge" standen allerdings keine muslimische, sondern hinduistische Extremisten, die unter falscher Flagge agierten. Dies erfuhr die indische Öffentlichkeit nur wenige Tage vor den Mumbai-Anschlägen.
Indien befindet sich in einer Art Schock nachdem es von offiziellen Stellen erfahren musste, dass seine erste Hindu-Terrorzelle eine Serie tödlicher Bombenanschläge durchgeführt hat, die zunächst militante Muslime verantwortlich gemacht wurden. Die Enthüllung zwingt das Land, sich einigen schwierigen Frage zu stellen. Mindestens zehn Männer wurden im September festgenommen, die im Zusammenhang mit einer Bombenexplosion in der hauptsächlich von Muslimen bewohnten Stadt Malegaon im westlichen Bundesstaat Maharashtra stehen, bei der sechst Menschen getötet wurden. Aber Berichte legen nahe, dass die Polizei annimmt, das die Terrorzelle auch eine Reihe vorheriger Attacken ausgeführt hat, inklusive des berüchtigten Bombenanschlags letztes Jahr auf einen Zug Richtung Pakistan, bei dem 68 Menschen starben. Unter den mutmaßlichen Mitgliedern der Zelle befindet sich ein aktiver Armee-Offizier und ein Hindu-Mönch.  (Quelle)
Doch mit den Mumbai-Attacken geriet die Debatte über den Hindu-Terror unter falscher Flagge wieder in den Hintergrund. Der Schock über die "hausgemachten" Terroristen wurde durch den Schock von Mumbai abgelöst. Und somit geriet auch die BJP und die Terror-Seilschaften innerhalb der indischen Dienste wieder aus dem Fokus der Kritik. Stattdessen konnte das eben noch angekratzte Feindbild des muslimischen Terroristen, sponsored by Pakistan, wieder etabliert werden. Dem politischen Establishment Indiens dürfte es nur Recht gewesen sein, wenn mit dem Fokus auf die LeT-Terroristen die Debatte über das falsche Spiel staatlicher Stellen zu Ende war, bevor sie überhaupt richtig begann und mögliche Konsequenzen gefordert hätte.

Tiefgreifende Aufklärung über die Anschläge unter falscher Flagge sind allerdings auch aus einem anderen Grund kaum zu erwarten. Denn bei der Mumbai-Attake sind drei hochrangige Polizisten erschossen wurden, die in diesen Fällen ermittelten.

In einem Gespräch mit dem pakistanischen Fernsehen sagte der selbsternannte Sicherheitsexperte Zaid Hamid, dass 
innerhalb der ersten 5 Minuten der Attacke die drei ATS [Anti Terror-Squad]-Polizisten, die das Terror-Netzwerk innerhalb der indischen Sicherheitsbehörden und der radikalen Rechten untersuchten, getötet wurden.
Das stellte sicher, dass diese Ermittlungen in eine Sackgasse verlaufen werden. Sprecher Qudsia Qadri fügte hinzu, dass mit ihrer Tötung die Ermittlungen im Samjhauta Express-Blutbad unterbrochen werden würden. (Quelle)
Unter den drei toten Polizisten befand sich Hemant Karkare, Chefermittler zum Bombenanschlag auf einen neben einer Moschee gelegenen Friedhof in Malegaon am 8. September 2006. Dabei starben 37 Menschen. Obwohl die meisten der Opfer Muslime waren, machte Indien sofort Pakistan für die Tat verantwortlich.
Gleichfalls routinemäßig präsentierte die Polizei sogar mehrere festgenommene Verdächtige und beschuldigte – wie auch jetzt wieder nach dem Angriff auf Mumbai - die hauptsächlich in Kaschmir tätige Organisation Lashkar-e-Taiba. Karkare entdeckte schließlich, dass hinter dem Anschlag ein hinduistisch-nationalistisches Netzwerk mit Kontakten in den Sicherheitskräften stand, das offenbar eine „Strategie der Spannung“ verfolgt. Zu den Methoden dieses Netzwerks gehört auch, ihre Taten moslemischen Organisationen in die Schuhe zu schieben. (Quelle)
Wer auch immer letztlich die Mumbai-Attacken organisiert hat, das Muster der Strategie der Spannung lässt sich deutlich heraus lesen. Die Angriffe wurden von Kräften organisiert die ein Interesse daran haben, die Region zu detabilisieren und ethnische bzw. religiöse Spannungen anzuheizen. In einer solchen Sitaution wird dann auch der Ruf nach militärischer Intervention von außen bzw. nach dem Ausbau eines starken, mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Staates, lauter.

Der grundsätzlichen Verfolgung der strategischen Ziele der USA, die Region im nahen und mittleren Osten zu destabilisieren und zu chaotisieren um sie anhand der eigenen imperialistischen Interessen neuordnen zu können, dieser Strategie standen die Attacken im Mumbai jedenfalls nicht im Wege - ganz im Gegenteil. Denn eine Annäherung zwischen Pakistan und Indien wird von den Machtstrategen in Washington generell argwöhnisch betrachtet.

Kommentare:

  1. Danke für diesen ausführlichen Hintergrund-Artikel!

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  2. und von mir auch ein herzliches Dankeschön für die umfangreichen Ausführungen

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